Was ist eine Aortendissektion?

Schematische Darstellung der zunehmenden Ablösung der inneren Gefäßwand mit entsprechender Einblutung

Die akute Aortendissektion Typ A ist einer der dringlichsten Notfälle in der Herzchirurgie. Dabei reißt meist ohne Vorwarnung die innere Wand der Hauptschlagader (Aorta) unmittelbar am Herzen. Blut dringt durch den Einriss in einen Spalt zwischen den Gefäßwänden und vergrößert diesen immer weiter. Dabei können Gefäße, die von der Aorta zu anderen Organen wie dem Gehirn führen, verschlossen werden. Häufig kommt es begleitend zu einer Ansammlung von Blut im Herzbeutel. Hierdurch wird das Herz zusammengedrückt und es kommt zum tödlichen Herz-Kreislauf Versagen.

Während die Aortendissektion noch vor 50 Jahren fast immer tödlich endete, überlebt heute die Mehrzahl der Betroffenen. Dies ist hauptsächlich einer möglichst rasch eingeleiteten Operation der gefährlichsten Formen zu verdanken. Eine unverzügliche Diagnostik ist deshalb bei dieser Krankheit von entscheidender Bedeutung.

Eine Aortendissektion am aufsteigenden Teil der Aorta, also unmittelbar am Herzen, wird anhand einer internationalen Klassifikation meist als „Typ A“ Dissektion beschrieben. Die Typ A Aortendissektion ist die gefährlichste Form einer Aortendissektion.

Ursache und Häufigkeit

Warum es bei manchen Menschen zu einer Schwächung der Aorta-Innenwände bis zum Einriss kommt, ist bisher nicht vollständig geklärt. Aktuelle Studien zeigen eine Häufigkeit von bis zu 12 Fällen auf 100.000 Einwohner. Männer erkranken dabei bis zu dreimal so häufig wie Frauen. Das Alter der Betroffenen liegt um die 60 Jahre. Aus unbekannten Gründen treten Aortendissektionen bevorzugt in den Wintermonaten auf. Ebenfalls unklar ist, warum sich die meisten Dissektionen am Vormittag zwischen 6:00 Uhr und 12:00 Uhr ereignen.

Ein Team der Klinik für Herz,-Thorax- und Gefäßchirurgie am DHZB (Direktor: Prof. Volkmar Falk) unter Leitung von Stephan Kurz hat die Patientenakten und Notarztprotokolle von über 1.600 Patienten analysiert, die wegen einer akuten Typ A-Dissektion am DHZB behandelt wurden.

Zusätzlich wurde anhand von über 14.000 Autopsieberichten untersucht, wie viele Patienten in Berlin und Brandenburg an einer Aortendissektion verstorben sind, die nicht rechtzeitig operiert werden konnten. Die Ergebnisse wurden im renommierten „International Journal of Cardiology“ veröffentlicht (link) und zeigen dringenden Handlungsbedarf. So wurde ermittelt:

  • dass die mittlere Zeit vom Auftreten der ersten Symptome bis zum Beginn der Operation bei über 8 Stunden liegt.
  • dass die Aortendissektion mit hoher Wahrscheinlichkeit viel häufiger auftritt als bisher angenommen: Das statistische Bundesamt geht von jährlich 4,6 Fällen auf 100.000 Einwohner aus, die Hochrechnung der in der Studie erhobenen Daten ergibt einen mehr als doppelt so hohen Wert (11,9 Fälle).

Symptome und Diagnose

Typisch für die Aortendissektion ist ein plötzlicher Vernichtungsschmerz, der als stechend oder reißend empfunden wird. Die Schmerzlokalisation ist meist im Brustbereich, häufig aber auch im Rücken und in den Bauchbereich ausstrahlend.

Kontaktieren Sie bei diesen Symptomen immer und sofort einen Notarzt und beschreiben Sie diese Symptome!

Je nachdem welche von der Aorta ableitende Blutgefäße durch die Dissektion verschlossen werden, zeigen sich auch Symptome einer verminderten Blutversorgung von beteiligten Organen. Dies äußert sich bei Durchblutungsstörungen des Darmes oder der Nieren in starken Bauchschmerzen. In einigen Fällen können die Durchblutungsstörungen auch zu Symptomen eines Schlaganfalls führen.

Das klinische Bild einer Aortendissektion ist tückisch, da es von Notfallmedizinern leicht als (wesentlich häufiger auftretender) Herzinfarkt fehlinterpretiert werden kann, was schlimmstenfalls zu einer falschen Erstbehandlung führt. Eine gesicherte Diagnose ist meist erst mit Hilfe der Computertomographie möglich.

Therapie

Mit jeder Stunde, die eine akute Aortendissektion unbehandelt bleibt, versterben statistisch zwei Prozent der Patienten.

Die einzig mögliche Therapie der akuten Aortendissektion ist eine sofortige Operation am offenen Herzen, die von einem geschulten und eingespielten Team aus Chirurgen, Kardiotechnikern, Anästhesie und OP-Pflege vorgenommen werden muss.

Der Herzchirurg öffnet dabei den Brustkorb des Patienten, anschließend wird der Patient an eine Herz-Lungen-Maschine angeschlossen und das Herz stillgelegt. Die nun folgende operative Therapie richtet sich nach Lokalisation und Ausmaß der Aortendissektion. Meist wird der betroffene Abschnitt durch eine Gefäßprothese ersetzt, ggf. muss auch eine künstliche Aortenklappe eingesetzt werden. Nach dem Ende des Eingriffs wird der Patient intensivmedizinisch weiter versorgt.

Das Deutsche Herzzentrum Berlin gehört zu den wenigen Kliniken, die eine akute Aortendissektion jederzeit operativ behandeln können, da spezialisierte Teams rund um die Uhr zur Verfügung stehen. Mit jährlich weit über hundert Operationen zählt das DHZB deutschlandweit zu den größten Zentren für diesen Eingriff.

Das Aortentelefon am DHZB

Hier sehen Sie einen Film, der das Prinzip des Aortentelefons verdeutlicht

Das DHZB hat bereits 2015 das europaweit einzigartige Konzept eines „Aortentelefons“ ausgearbeitet: Eine medizinische Hotline, die allen Berliner und Brandenburger Ärzten rund um die Uhr koordinierend und beratend zur Seite steht. So soll die sogenannte „Pain Cut Time (PCT)“ also die Zeit vom Ereignis bis zur operativen Versorgung, nicht nur entscheidend verkürzt, sondern auch besser genutzt werden. 

Im Berliner Herzzentrum steht unter einer einheitlichen Nummer 030 4593 2007 rund um die Uhr ein Facharzt für Anästhesie oder Herzchirurgie als Ansprechpartner für das Personal der regionalen Rettungsstellen zu Verfügung. Er leistet medizinischen und organisatorischen Support für die Kollegen vor Ort, koordiniert aber auch die Vorbereitung des Eingriffs am DHZB selbst.

Hierzu haben die Mediziner am DHZB Standardverfahren zur bildgebenden Diagnostik und Medikation erarbeitet und sie mit Rettungsdiensten, leitenden Notärzten und den Rettungsstellen der Kliniken in Berlin und Brandenburg abgestimmt. 

Auch die Abläufe von Aufnahme, Anästhesie, operative Versorgung, und die Weiterbehandlung auf der Intensivstation am DHZB selbst wurden standardisiert festgelegt und weiter optimiert.

Das Konzept hat bereits zu einer deutlichen Verbesserung der Diagnostik und Erstversorgung geführt: Die Zahl der am DHZB wegen einer akuten Typ A-Dissektion operierten Patienten stieg von durchschnittlich 80 in den Vorjahren auf 138 in 2016, also um mehr als 70 Prozent. 

Auch die Zeitspanne vom Eintreten der ersten Symptome bis zum Operationsbeginn konnte bereits um durchschnittlich 20 Prozent gesenkt werden. 

Ziel des Programms ist es, die Zeit vom ersten Symptom bis zur Operation im Raum Berlin-Brandenburg zu halbieren. Einen Videobericht über das Aortentelefon im "Medizinermagazin Notfall" finden Sie hier.