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21.09.2016

Doppeltes Kunstherz

Harald Becker aus Thüringen ist der erste Patient weltweit, dem das derzeit modernste Kunstherz-System vom Typ „Heartmate 3“ an beiden Herzhälften implantiert werden konnte. Nach den erfolgreichen Eingriffen am DHZB ist der Rentner wieder zu Hause

Patient Harald Becker und DHZB-Herzchirurg Dr. Evgenij Potapov

Patient Harald Becker und DHZB-Herzchirurg Dr. Evgenij Potapov

Am 21. Oktober 1993 erleidet Harald Becker aus Gera in Thüringen einen schweren Herzinfarkt, der sein Herz schwer und unheilbar schädigt. 

Mit Hilfe von Medikamenten und einem implantierten Herzzschrittmacher kann der heute 64jährige zwar den Umständen entsprechend gut weiterleben, nach einer Grippeerkrankung im November 2015 verschlechtert sich sein Zustand aber dramatisch: „Ich konnte mich immer weniger bewegen und schließlich kaum noch atmen“, erinnert sich Harald Becker. 

Anfang 2016 steht fest, dass nur eine Herztransplantation oder eine implantierte künstliche Herzpumpe Harald Becker am Leben erhalten können. Seine Aussichten auf ein Spenderorgan sind jedoch minimal. Ein Kunstherz ist also angesichts seines lebensbedrohlich geschwächten Herzens die einzige Möglichkeit. 

Der Patient informiert sich in verschiedenen Kliniken und entscheidet sich schließlich für das Deutsche Herzzentrum Berlin. „Ich bin dort hervorragend aufgeklärt und beraten worden“, so Harald Becker, „und dass am Berliner Herzzentrum die mit Abstand meisten Operationen dieser Art gemacht werden, hat mir die Entscheidung zusätzlich leicht gemacht.“ 

Am 8. April 2016 wird Harald Becker operiert. Die Spezialisten Prof. Thomas Krabatsch und Dr. Evgenij Potapov implantieren ihrem Patienten eine künstliche Rotor-Pumpe direkt an die linke Herzkammer (Ventrikel). Sie ist übernimmt dort dauerhaft die Pumpfunktion des unheilbar geschwächten Muskels. 

„Die linke, größere Herzkammer pumpt das sauerstoffreiche Blut aus der Lunge in den Körper“, erläutert Oberarzt Evgenij Potapov, „in den meisten Fällen reicht die Unterstützung dieser Kammer durch eine mechanische Kreislaufpumpe aus, um den gesamten Blutkreislauf zu stabilisieren.“ 

Harald Beckers Herz ist jedoch so schwer geschwächt, dass auch die rechte Herzkammer, die das „verbrauchte“ Blut aus dem Körper in die Lunge pumpt, mechanisch unterstützt werden muss. Zunächst hoffen die Spezialisten, dass sich diese Herzkammer durch den Einsatz eines Kurzzeit-Pumpsystems ausserhalb des Körpers erholt. 

Nach einigen Wochen müssen die Chirurgen diese Hoffnung aber aufgeben. Gemeinsam mit ihrem Patienten entschließen sie sich, Harald Becker auch an der rechten Herzhälfte eine dauerhafte Unterstützungspumpe anzuschließen. Wie schon am linken Ventrikel verwenden sie ein „HeartMate 3“, das derzeit modernste System auf dem Markt. 

Harald Becker ist damit der weltweit erste Patient, dem dieses Gerät an beiden Herzkammern implantiert wurde. 

In der Fachwelt sorgte die Pionierleistung der DHZB-Chirurgen für Aufsehen und wurde in der führenden internationalen Fachzeitschrift „Journal of Heart-Lung-Transplantation“ veröffentlicht, um die Erfahrung der Berliner Spezialisten auch anderen Kunstherz-Teams weltweit verfügbar zu machen.  

„Ohne den Eingriff hätte Herr Becker kaum eine Chance gehabt, längerfristig zu überleben“, sagt Prof. Thomas Krabatsch, Leiter des Kunstherz-Programms am DHZB, „mit der Implantation eines zweiten Kunstherzens aber hatten wir die Chance, ihm auch eine langfristig gute Lebensqualität ermöglichen zu können.“ 

Die Zuversicht der DHZB-Spezialisten war berechtigt: Harald Becker erholte sich gut von den Operationen und konnte schließlich in eine Reha-Klinik entlassen werden. Seit gut einer Woche ist Becker nun wieder zu Hause in Gera, zur Freude und Erleichterung seiner Frau. Nach der langen Liegezeit sind seine Beinmuskeln noch schwach, aber er kann wieder frei atmen, gehen und auch Treppensteigen.  

Aus seiner Brust kommen nun zwei dünne Stromkabel, sie verbinden die beiden Turbinen am Herzen mit den Akkus und Steuereinheiten, die Harald Becker in zwei kleinen Taschen nun immer mit sich tragen muss. „Ganz klar, das ist lästig“, gibt Harald Becker zu, „aber es ist ein sehr geringes Opfer dafür, dass ich noch lebe und es mir jetzt wieder so viel besser geht.“

Hintergrundinformationen: 

Mechanische Kreislaufunterstützungssysteme, die vereinfacht nicht ganz korrekt als „Kunstherzen“ verallgemeinert werden, sind Pumpsysteme, die die Funktion eines unheilbar geschädigten Herzmuskels übernehmen. 

Meist wird direkt an der linken Kammer des erkrankten Herzens (das im Körper des Patienten bleibt) eine nur wenige Zentimeter große Pumpe eingesetzt und mit der Hauptschlagader (Aorta) verbunden. Die Pumpe ist durch ein Kabel mit einer Steuereinheit und Akkus außerhalb des Körpers verbunden, die der Patient in einem kleinen Rucksack oder einer kleinen Tasche mit sich trägt. 

Die Patienten können so häufig ein weitgehend normales Leben außerhalb der Klinik führen, ihrem Beruf nachgehen und auch Sport treiben. 

In der Fachsprache werden solche Pumpsysteme kurz als VAD („Ventricular Assist Device“) bezeichnet. Je nach Notwendigkeit kann ein VAD auch an der rechten oder an beiden Kammern des Herzens eingesetzt werden. 

Patienten mit einem VAD stehen meist auf der Warteliste für ein Spenderherz, immer häufiger werden Kunstherz-Systeme aber auch zu einer dauerhaften Alternative zur Transplantation, da nicht genügend Spender zu Verfügung stehen oder auch weil der Zustand eines Patienten eine Transplantation nicht zulässt. 

In einigen Fällen erholt sich das eigene Herz der Patienten während der Entlastung durch die künstliche Pumpe sogar, so dass sie wieder entfernt werden kann. 

Das Deutsche Herzzentrum Berlin unter Leitung von Prof. Dr. Volkmar Falk betreibt das größte Kunstherz-Programm der Welt, seit 1988 wurden bereits über 2.600 Unterstützungssysteme implantiert.

Dank dieser Erfahrung und intensiver Forschungsarbeit können die Patienten nicht nur immer länger, sondern auch mit immer besserer Lebensqualität auf ein Spenderorgan warten oder auch dauerhaft mit einem VAD leben. 

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